Landessieg beim Hamburger Schreibwettbewerb KLASSEnSÄTZE

Beim Hamburger Schreibwettbewerb KLASSEnSÄTZE gewann Laura Matthiesen aus der Klasse 9b im Schuljahr 2025/26 mit ihrem Text „Ich bin ich, normal“ den Landesentscheid in der Kategorie der Klassen 9 bis 13.

Unter dem Motto „Echo“ waren an Hamburger Schulen rund 8.000 Texte entstanden. Nachdem sich Lauras Beitrag zunächst auf Klassen- und anschließend auf Schulebene durchgesetzt hatte, überzeugte er schließlich auch die Hamburger Landesjury aus Jugendlichen sowie Kinder- und Jugendbuchautoren.

Bei der feierlichen Preisverleihung am 27. Mai im Ernst Deutsch Theater wurde Laura als Landessiegerin ausgezeichnet. Einen besonderen Moment bildete die Präsentation der Siegertexte: Schauspieler Julian Greis las die vier ausgezeichneten Beiträge vor einem großen Publikum.

Wir gratulieren Laura ganz herzlich zu diesem besonderen Erfolg!

Ich bin ich, normal.

Wir schreiben den 29. November 1991.

Draußen ist es dunkel. Die Straßen unten leuchten in hellen Farben, rot, gelb, blau. Zu hell für diese

Uhrzeit. Zu laut für diese Stille. Ganz oben in einem Hochhaus liegt ein helles Apartment. Der Fernseher läuft. Nachrichten. Ein Mord in der Nachbarschaft. Worte wie Tatort, Ermittlungen, noch keine Spur. Das Wohnzimmer ist leer. Das Telefon klingelt. Lange. Zu lange.

Schließlich nimmt eine Frau ab. Etwa dreißig Jahre alt. Gut gekleidet. Ruhige Hände.

Eine tiefe männliche Stimme erklingt. Ruhig. Kontrolliert.

„Guten Abend. Es tut mir leid, Ihnen das mitteilen zu müssen: Ihr Freund wurde erschlagen.“

Für einen Moment wird ihr Gesicht blass. Nur für einen Moment. Dann huscht etwas über ihre Lippen. Fast ein Lächeln. Aber nur ganz kurz. Fast nicht wahrnehmbar. 

Reiß‘ dich zusammen, sagt eine Stimme in ihrem Kopf.

Sie kennt diese Stimme.

„Wissen Sie schon, wer es war?“, fragt sie. 

Eine Pause.

Lange.

Zu lang.

„Ja.”

„Sie.”

Das Wort „Sie“ bleibt hängen. Nicht im Raum. In ihr.

Die Verbindung bricht ab.

„Hallo?“

Nichts.

Sie legt den Hörer auf.

Ich wusste, diese Antwort im Telefon würde kommen. Doch die Stimme war mir fremd, und genau deshalb kam sie mir bekannt vor. Wieder eine Stimme im Kopf: „Du bist du und du bist gestört.“ 

Eine Stille breitet sich aus, die nichts mit fehlenden Geräuschen zu tun hat. Sie steht reglos da. Dann beginnt sie zu lächeln. Und plötzlich zu lachen. Ich lache herzhaft. Die Anspannung der letzten Tage fällt von mir ab wie eine Last. Jetzt haben sie mich. Jetzt ist es aus. Doch nichts passiert. Keine Sirenen. Kein Klopfen. Kein „Hände hoch“. Nur Stille.

 

Wir springen nun 20 Jahre in die Vergangenheit. Ich erzähle die Geschichte des 10-jährigen Mädchens, Kelly Parker. An einem ganz normalen Mittwochnachmittag hatte jenes Mädchen Angst, von der Schule nach Hause zu gehen. Denn ihr Stiefvater war von seiner Geschäftsreise wiedergekommen. Ich schätze mal, ihr könnt euch vorstellen, dass er Kelly nicht besonders gut behandelt hat. Man erkennt seine Anwesenheit meist an der Trübseligkeit und Stille, die im Haus einkehrt, wenn er anwesend ist. 

„Stillsein, Stillhalten, Zusammenreißen. Nichts falsch machen.“

Kelly lernt früh, wie man verschwindet, ohne den Raum zu verlassen. Wie man geistig abwesend ist, aber zuhört. Wie man wartet, bis es vorbei ist. 

Als ich elf war, wurde ich als psychisch gestört diagnostiziert. So nannten sie es. Das war der Anfang vom Rest meines Lebens. Wie ich zu dieser Störung kam, wisst ihr bereits. Sie sagten es meinen Mitschülern. Sagten, sie sollen Abstand halten. Sagten, sie sei nicht normal. Ich lernte, mich selbst so zu sehen, wie sie mich sahen. Später im Studium zog ich mich zurück. Sozialen Kontakt hatte ich bis dahin verlernt. Wenn man mich heute auf der Straße sieht, würde man es mir nicht ansehen. Ich wohne in einem der belebtesten Viertel New Yorks. Ich bin gepflegt. Unauffällig. Normal. Ich halt. 

24.11.1991

Es klingelt an der Tür des Büros. Sie zuckt zusammen. Sie ist allein. Wusste er es? Sie öffnet die Tür. Ja. Er wusste es. Sein Gesicht ist rot vor Wut. Er schreit. Lange. Die Worte erreichen sie nicht. Nur der Tonfall. Stillsein, Stillhalten, Zusammenreißen. 

Er schlägt gegen die Wand. Ein Loch bleibt zurück. Sie dreht sich um. Greift nach der Vase auf dem Regal. Dreht sich langsam zurück. Er hört auf zu schreien. Seine Augen werden groß. So groß, dass es wirkte, als würden sie gleich ausfallen. Dann schlägt sie zu. Er taumelt. Sie zeigt keine Regung. Du bist gestört, hatte man ihr gesagt. Gestört, hatten sie damals ihre Freunde und Eltern genannt. Also darf sie das jetzt auch sein. Während sie mit ihren Gedanken noch in ihrer Vergangenheit festhing, nahm sie plötzlich wahr, dass sie immer noch auf ihren Besucher einschlug. Dann liegt er reglos am Boden.

Sie kniet sich neben ihn. Hört. Kein Herzschlag. Ich bleibe ruhig. Ich bin ja gestört. Gestörte können nichts dafür. Sie denkt schnell.

Der Plan ist da, ohne dass sie weiß, woher. Kälte. Zeit verschieben. Alibi. Krimis. Zu viele Krimis. Sie bringt die Leiche in den Kühlraum der Cafeteria. Sonntag. Niemand da. Die Kameras sind seit letzter Woche außer Betrieb. Die Kälte tut ihr weh. 

„Stillhalten“, sagt die Stimme. „Stillsein. Zusammenreißen.“ Das konnte sie schon als Kind gut.

Als sie noch einmal in sein Gesicht sieht, verschwimmt es. Plötzlich ist da ein anderer. Ein Junge aus der zehnten Klasse. Er lacht. Zeigt auf sie. „Gestört.“ Panik. Sie schlägt noch einmal zu. Kräftig. Dann ist das Gesicht weg.

Sie verlässt das Büro. Fährt dieselbe Bahnroute wie immer. Öffnet die Tür zu ihrem Apartment. Ein Windstoß kommt ihr entgegen. Sie hört nochmal die Stimme in ihrem Kopf. „Du hast nichts falsch gemacht. Du bist nur gestört!“ Was war dieses Gefühl? Sie kannte es nicht, doch es fühlte sich bekannt an. 

Sie wartet, lange, zu lange. Auf die Polizei. Auf Erlösung. Nichts. Nur die Stille.

Und eine Stimme, die nie gegangen ist.

Reiß dich zusammen.

Sei still. 

Halte still. 

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