Eines der im Geschichtsunterricht intensiv behandelten Themen in der neunten Klasse ist die Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland. Um uns näher mit diesem Thema sowie der Erinnerungskultur in Hamburg vertraut zu machen sowie mit dem Schicksal einzelner Betroffenen zu beschäftigen, wurden drei Projekttage eingerichtet, die in diesem Jahr vom 16. bis zum 18. Juni gingen. Der Ablauf war je nach Geschichtskurs unterschiedlich, doch das Programm blieb gleich. Am Montag startete der Tag für drei der Kurse mit dem Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Neuengamme.
Nach der Ankunft mit dem Bus führte uns unser Guide zunächst in eines der noch erhaltenen Gebäude. Er sprach einige Zeit mit uns und gab uns Informationen über das Lager. Das KZ Neuengamme hatte mindestens 86 Außenlager. Nach Kriegsende hielt das britische Militär dort zunächst Kriegsverbrecher fest. Eine lange Zeit wurde das ehemalige KZ als Gefängnis genutzt. 2005 wurde es zur Gedenkstätte. In Neuengamme waren Juden, Homosexuelle, „Asoziale“, Verbrecher, Regimegegner, Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, Bibelforscher (heute Zeugen Jehovas) und ethnische Minderheiten (z.B. Roma) inhaftiert. Von den circa 100.000 Häftlingen kamen 9% aus Deutschland und 91% aus den von Deutschland besetzten Ländern. Mehrere deutsche Firmen profitierten von der Zwangsarbeit, die die Häftlinge in Neuengamme verrichten mussten. So wurden manche Häftlinge gezwungen, Gewehre in den Walther-Werken zu bauen. Kurz vor Kriegsende wurde das Lager geräumt, da die Nationalsozialisten nicht wollten, dass ihre Gräueltaten dokumentiert werden. Manche Häftlinge wurden in andere Konzentrationslager, manche wiederum wurden in Lübeck auf drei Schiffe gebracht. Zwei davon, die Cap Arcona und die Thielbek, wurden von der britischen Luftwaffe in der Lübecker Bucht versenkt. Dabei starben mehrere Tausend KZ-Häftlinge.
Danach bekamen wir den Auftrag, uns mit Einzelschicksalen von Häftlingen zu beschäftigen. Wir lasen kleine Bücher zu den einzelnen Häftlingen und gingen durch eine Ausstellung, die sich mit den Lebensbedingungen der Häftlinge beschäftigte. Wir sahen die dreistöckigen Holzbetten, in denen die Häftlinge gezwungen waren zu schlafen und lasen auf Infotafeln von den Drangsalierungen und dem Leiden, dem die Häftlinge jeden Tag ausgeliefert waren. Als wir uns wieder mit dem Guide und der Gruppe trafen, erzählte jeder etwas über die Person, zu deren Schicksal er sich informiert hatte. Danach zeigte er uns einige Zeichnungen von den grausamen Lebensumständen im Lager, die von Überlebenden angefertigt wurden. Er erzählte uns von einer besonders grausamen Praxis, die die Nationalsozialisten ausübten, um die Insassen zu spalten. Insassen konnten zu Funktionshäftlingen, sogenannten Kapos ernannt werden. In dieser Funktion hatten sie die Befugnis, andere Häftlinge bei der Zwangsarbeit anzuleiten und sie, wenn nötig mit Gewalt, anzutreiben. Als Kapo hatte man einige Privilegien, zum Beispiel musste man keine Angst haben, zu verhungern. Außerdem durften Kapos in Baracken mit hygienischen Zuständen schlafen. Sie behielten ihre Stellung als Kapo nur so lange, wie sie ihre Mitgefangenen grausam genug behandelten. Ansonsten drohte ihnen, ihren Status als Kapo zu verlieren, was sie wieder den schweren Lebensbedingungen als Häftling, aber auch dem Zorn der von ihnen gepeinigten Mitinsassen ausgesetzt hätte. Eine Zeichnung, die uns gezeigt wurde, zeigte, wie eine Gruppe Kapos einen Häftling misshandeln. Dies war in der Hinsicht besonders erschreckend, als dass sie es nicht unter der Aufsicht der SS-Wachen taten, um ihre Stellung zu sichern. Sie taten es ohne Not. Sie taten es nur, weil sie es unterhaltsam fanden, und sie die Macht dazu hatten. Dieses von Machtmissbrauch und Hierarchie bestimmte Verhalten der Insassen untereinander beschäftige uns sehr, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass Menschen, die im Endeffekt in derselben Situation waren, so handeln konnten.
Im Anschluss wurden wir auf den ehemaligen Appellplatz geführt. Auf der einen Seite des Platzes standen früher die ehemaligen Baracken der Häftlinge, auf der anderen das Krankenlager, in dem ein Arzt Experimente an Häftlingen, auch an Kindern, durchführte. Sowohl die Baracken als auch das Krankenlager wurden nach Kriegsende abgerissen. An der Flucht hindern sollte die Insassen ein Zaun, der damals unter Strom stand, was dafür sorgte, dass der Erfolg von Fluchtversuchen sehr viel unwahrscheinlicher war als in den Außenlagern, die nicht so stark gesichert waren. Dies sorgte dafür, dass Fluchtversuche im Hauptlager in Neuengamme häufig mit Prügelstrafen bestraft wurden, während in den Außenlagern, aus denen regelmäßig Leuten die Flucht gelang, meist der Tod die Folge war, wenn man erwischt wurde. Der Guide erzählte uns, dass sich die Häftlinge jeden Morgen auf dem Appellplatz versammeln mussten, und Bestrafungen, sowohl Prügelstrafen als auch Hinrichtungen, dort stattfanden und angesehen werden mussten. Wir gingen über den Platz, und wurden über die Nutzung eines kleinen Hauses aufgeklärt, das damals zur Bestrafung von Häftlingen und für Hinrichtungen genutzt wurde. Heute sind nur noch das Fundament und ein Grundriss zu sehen. Das Haus bestand aus fünf kleinen Zellen. Häftlinge wurden dort in teilweise vollständiger Dunkelheit in Einzelhaft gehalten. Einmal wurde eine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener dort mit Zyklon B, dem Gas, das auch in den Vernichtungslagern im Osten zum Einsatz kam, ermordet. In diesem Haus fanden die Hinrichtungen statt, bei denen es die SS, im Gegensatz zu den Hinrichtungen auf dem Appellplatz, die auch der Abschreckung dienten, nicht für nötig hielt, dass die Insassen von ihnen erfahren. Dort wurden vor allem Menschen hingerichtet, die keine Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme waren.
Danach wurden wir zur ehemaligen Kaserne der SS geführt, wo wir uns mit den Tätern beschäftigten. Uns wurde vom Lagerkommandanten erzählt, der die Häftlinge äußerst grausam behandelte, und nach Kriegsende abwechselnd behauptete, dass er nichts gewusst hätte, die Häftlinge gelogen hätten, oder er nur Befehlen gefolgt sei. Dabei war er schon vor der Machtergreifung Mitglied der NSDAP und SS, und wegen der Zerstörung eines SPD-Wahlkampfwagens zu sieben Monaten Haft verurteilt worden. Neben weiteren sadistischen Mördern wurde uns auch von einem Mann erzählt, der schwangere Frauen menschlich behandelte und schützte, bis dieses Verhalten an seinen Vorgesetzten gemeldet wurde, der den Mord an den Frauen sowie deren Kindern verlangte. Die Frauen konnte der Mann mit der Begründung, er brauche sie als Arbeitskräfte, retten. Die Kinder jedoch wurden ermordet.
Nachdem uns die Rekonstruktion einer Tongrube, wie sie die Insassen damals graben mussten, das Klinkerwerk, in dem der Ton zu Ziegelsteinen verarbeitet wurde und ein von ihnen gegrabener Kanal zum Transport der Steine gezeigt wurde, wurden wir in das „Haus des Gedenkens“ geführt, in dem auf großen Stoffbannern der Name jedes namentlich bekannten ermordeten Häftlings gezeigt wurde. An vielen der Banner standen Blumen oder andere Sachen, mit denen Menschen ihrer verstorbenen Angehörigen gedachten. Von 100.000 Insassen, die bis 1945 im KZ Neuengamme inhaftiert waren, starben mindestens 50.000. 23.394 davon sind namentlich bekannt. Ihnen wurden hier ihre Namen zurückgegeben.
Am zweiten Projekttag haben wir uns zunächst noch einmal ausführlich über die Exkursion in Neuengamme ausgetauscht. Diese hatte bei allein einen bleibenden Eindruck, große Betroffenheit und einige Fragen hinterlassen.
Nach der Reflexion haben wir darüber gesprochen, inwieweit es wichtig ist, sich auch noch nach vielen Jahren mit diesem Thema zu beschäftigen und wie man daran erinnern kann. Nach dieser Einleitung in das Thema konnten wir eigenständig in kleinen Gruppen zu einzelnen Gedenkorten in Hamburg fahren, um uns näher mit Denkmälern und ggf. einzelnen Personen auseinanderzusetzen. Diese Gedenkorte, die wir uns als Gruppen zuvor selbst aussuchen konnten, führten uns teilweise durch ganz Hamburg. Meine Gruppe und ich haben uns für die Gedenktafel für die jüdischen Lehrerinnen Martha Behrend und Gretchen Wohlwill im Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium entschieden. Beide Lehrerinnen wurden aufgrund ihrer jüdischen Abstammung 1933 entlassen. Martha Behrend überlebte leider nicht, da sie 1941 ins KZ in Minsk zunächst deportiert und schlussendlich auch tragischerweise ermordet wurde. Gretchen Wohlwill gelang es, ins Ausland zu fliehen und dort zu überleben. Nach dem Krieg kehrte sie nach Hamburg zurück. Wir als Gruppe fanden es sehr traurig, zu hören, wie unterschiedlich es den beiden Lehrerinnern erging. Wir haben uns für das Thema unserer Präsentation noch mehr mit den Lehrern zu dieser Zeit beschäftigt und uns bewusst gemacht, wie viele Lehrer auf Grund ihrer politischen Meinung, ihrer Religion oder auch aufgrund ihrer vermeintlichen „mangelnden nationalsozialistischen Gesinnung“ aus dem Schuldienst entlassen wurden.
Am dritten Projekttag habe wir alle unsere erarbeiteten Präsentationen, Poster oder Kurzfilme vorgestellt und uns im Anschluss daran im Kursverband über die unterschiedlichen Formen des Gedenkens, unsere persönlichen Eindrücke sowie die Projekttage insgesamt unterhalten. Wir fanden das neu Gelernte sehr spannend und die Projekttage sinnvoll, da man das Geschehene noch mal durch persönliche Geschichten von einzelnen Opfern, die teilweise aus unserer Nachbarschaft kamen, aufarbeiten konnte.







