Schreibprojekt der 9b zum Thema Kurzgeschichten

Im Deutschunterricht haben wir als Klasse das Thema Kurzgeschichten behandelt und durften im Rahmen dieser Unterrichtseinheit unsere eigenen Kurzgeschichten zu selbstgewählten Themen, die uns beschäftigen, verfassen. Dabei kamen so schöne Ergebnisse heraus, dass wir beschlossen haben, aus unseren Kurzgeschichten ein Heft zu erstellen, wovon jeder ein Exemplar erhielt.

Da uns das Schreiben unserer Kurzgeschichten so viel Spaß gemacht hat, waren wir auch an den Kurzgeschichten unserer Mitschüler:innen interessiert und fanden alle die Idee super, ein Literaturcafé zu veranstalten. Wir haben uns gegenseitig unserer Kurzgeschichten vorgelesen und hatten bei Snacks und mitgebrachtem Heißgetränk eine sehr gemütliche Deutschstunde. Für das richtige Café-Feeling saßen wir an Gruppentischen, die nach den Themen der Kurzgeschichten geordnet wurden und haben im Hintergrund Caféhausmusik gehört. Nach 15 Minuten wechselten wir die Plätze. Um den Inhalt unserer Kurzgeschichten besser zu verstehen, haben wir während des Lesens Analysebögen ausgefüllt, aus denen spannende Gespräche entstanden sind.

Für uns war das ein tolles, abwechslungsreiches Deutschprojekt und wir sind stolz auf unsere Kurzgeschichtenhefte!

Für alle, die neugierig geworden sind, gibt es hier eine kleine Kostprobe von fünf Kurzgeschichten:

Der Schatten aus dem Glas

(Arthur Friese, 2025)

Oskar kam schon mit dem nächsten Drink. Ich war zwar schon ein wenig angetrunken, aber Oskar versicherte mir, dass ich noch fast gar nichts getrunken hätte. Also machte ich einfach weiter. Nach dem sechsten Shot sah ich ihn. Er war nicht mehr als eine große Gestalt in der anderen Ecke des Raumes. Ich kannte ihn nicht und er kam mir ein wenig unheimlich vor. Seine Augen lagen tief in den Augenhöhlen, und er war sehr blass. Niemand scherte sich um ihn, es wirkte fast so, als wäre ich der Einzige, der ihn überhaupt wahrnahm. Ich rieb mir die Augen, doch der große Schatten blieb. Dumpfe Rufe von Oskar und die laute Musik holten mich wieder aus meinem tranceartigen Zustand. Oskar reichte mir die Kippe, und ich zog ein, zweimal an dem dünnen Stängel. Ich wusste nicht, was Oskar diesmal ins Papier gerollt hatte, aber mein Magen fühlte sich an, als hätte mir jemand einen heftigen Tritt gegeben. Als ich zum dritten Zug ansetzte, sah ich die Gestalt wieder. Diesmal war sie einen Schritt nähergekommen. Ich konnte sie nun besser erkennen und spürte ihren kalten Blick auf mir.  Diesmal war es Katie, die mich aus diesem Zustand holte, als sie an mir vorbei tanzte. Sie schrie: „Das ist wirklich die geilste Feier ever!“ Ich stimmte ihr zu, und sie küsste mich auf die Wange. Ich fühlte mich, als würde ich aus der dritten Person auf mich herabschauen. Doch irgendwie schaffte es Oskar immer wieder, mir eine neue Mische oder einen neuen Shot in die Hand zu drücken. Nun stand die Gestalt fast in greifbarer Nähe. Ich wollte mich so schnell wie möglich außer Reichweite der Gestalt bewegen, doch meine Beine hörten nicht auf die Befehle meines Kopfes. Sie bewegten sich nicht. Obwohl der Raum relativ warm war, sah ich Atemwolken aus seinem Mund aufsteigen. Jetzt spürte ich die Kälte auch. Sie kroch an meinen Waden hoch und ich fing an zu frösteln. Doch irgendwie war ich der Einzige, dem die Gestalt und die Kälte auffielen. Ich taumelte zurück, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte und eine Stimme in meinem Ohr sagen hörte: „Alles gut?“ Ich erschrak. Doch dann merkte ich, dass es nur Oskar war, der mich besorgt anblickte. Wieder erwachte ich aus meiner Trance. Ich rannte aufs Klo und hielt meinen Kopf über die Kloschüssel. Ich kotzte wie ein Wasserfall, der von einer Klippe stürzte. Oskar war mir gefolgt, hielt meinen Kopf fest und versuchte, mich zu überreden, wieder ins Wohnzimmer zu den anderen zu gehen. Ich folgte ihm wie ein Hund an der Leine. Er drückte mir ein neues Bier in die Hand und sagte: „Spül die Kotze runter, Digga!“ Ich trank noch zwei Bier und einen Cocktail, als es erneut begann. Das Licht flackerte und die dunkle Gestalt erhob sich wieder aus der Menschenmenge. Es war kälter als die letzten beiden Male. Der halb ausgetrunkene Cocktail begann bereits, eine Eisschicht zu bilden, als ich merkte, dass auch die Gestalt anders aussah als zuvor – größer, bedrohlicher. Seine Augen lagen noch tiefer in den Augenhöhlen, und seine Haut war noch blasser. Ein unerklärlicher Drang, auf die Gestalt zuzugehen, begann in meinem Kopf Gestalt anzunehmen. Da sah ich es. Mein Atem stockte. Eine Gruppe von Mädchen ging einfach durch die Gestalt hindurch! Halluzinierte ich? Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Doch es lag so nah. Ich wollte hier raus, doch ich wusste nicht, wie. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie ich mit Oskar redete. Ich merkte, wie ich taumelte, dann kippte ich um. Alles wurde schwarz. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Mit Mühe öffnete ich meine Augen ein Stück, eine dunkle verschwommene Gestalt beugte sich über mich und reichte mir ihre Hand.

Wird das Leben jemals wieder normal sein?

(Ny Khiong Chuk (Olya), 2025)

„Ich hasse Geographie!“… Der Wecker klingelte um 6 Uhr morgens – viel zu früh, aber sie musste sich auf die Klassenarbeit vorbereiten. Es war ein sonniger Februarmorgen, der schon lange nicht mehr so gewesen war. Draußen lagen die Temperaturen unter null, doch im Zimmer war es angenehm warm. Sonnenstrahlen brachen durch das Fenster, obwohl es noch so früh war, und der Tag versprach, hell und freundlich zu werden – trotz der bevorstehenden Geographie-Klassenarbeit. Sie hasste das Fach, aber sie fühlte sich vorbereitet.

Sie war früh aufgestanden, um sich für die Schule vorzubereiten und den Stoff noch einmal durchzugehen. Nach einer Stunde war sie mit allem fertig, doch es blieb noch eine weitere Stunde, bevor sie losmusste. Die Stimmung war gut, aber gleichzeitig lag eine seltsame Anspannung in der Luft – als würde etwas passieren, das sie nicht verstand.

Ihre Eltern saßen in der Küche. Sie verhielten sich scheinbar normal, doch in ihren Gesichtern lag ein Ausdruck von Panik und Angst. Es war, als wüssten sie etwas, was sie nicht aussprachen. Diese stumme Unruhe ließ das Mädchen erschaudern. Es schien, als bereiteten sie sich auf etwas vor – etwas Schreckliches, etwas, das ihr Leben um 180 Grad drehen würde. Die einzige Frage war: Was?

Nachdem sie ihre Vorbereitungen abgeschlossen hatte, setzte sie sich auf ihr Bett und nahm ihr Handy zur Hand, um Nachrichten und soziale Netzwerke zu checken – das Erste, was Teenager morgens tun.

Dann kam eine Nachricht vom Klassenlehrer in den Klassengruppenchat:

„Bleibt heute, wenn möglich, zu Hause.“

Ihr erster Gedanke war: Ist das schon wieder eine Quarantäne?

Doch dann folgte die nächste Nachricht:

„Geht es allen gut? Seid ihr in Sicherheit?“

Sie konnte nicht mehr klar denken. Und dann kam die letzte Nachricht – sie löste alle Zweifel und offenen Fragen auf und veränderte ihr Leben für immer. Sie würde noch lange in ihrem Kopf widerhallen. Sie würde sie in Albträumen verfolgen. Sie würde ein Auslöser für den Rest ihres Lebens sein. Ihr Herz schlug schneller, als sie die Nachricht sah, aber sie verstand immer noch nicht, warum ihr das Atmen so schwer fiel. Die ersten Worte schienen absurd, als ob sie nicht Teil ihrer Realität sein könnten:

„Der Krieg hat begonnen.“

Erst gestern hatte ihr Klassenlehrer in der Schule erklärt, was sie im Falle eines Krieges tun sollten. Er hatte sie durch den Keller geführt und ihnen den gesamten Notfallplan erläutert. Doch er hatte betont:

„Wir sind zu 99,9 Prozent sicher – es wird keinen Krieg geben. Alle Politiker sind klug genug, im 21. Jahrhundert keinen Krieg zu beginnen.“

Trotz dieser Worte war da immer noch dieses Gefühl der Angst…

Explosionen, Schreie – alles hallt. Und dann, das Geräusch einer Sirene, das sich auf seltsame Weise verändert und in eine Melodie übergeht. Eine seltsame, unangenehme…

Das Mädchen fuhr abrupt aus dem Bett hoch, griff nach ihrem Handy und schaltete den Wecker aus. Sechs Uhr morgens. Die Sonne scheint durchs Fenster. Um sie herum – Stille und Frieden. Das einzige Geräusch, das diese Stille durchbricht, ist das Zwitschern der Vögel draußen.

Dieser Moment erinnert sie an etwas…

Jenen Albträummorgen.

Ein Morgen, der sie in nur einer Sekunde erwachsen werden ließ.

Sie war weit weg von zu Hause, weit weg von ihrer gewohnten Realität, aber in ihrem Kopf läuteten immer noch dieselben Sirenen, und die Frage ‚Wird mein Leben jemals wieder normal sein?‘ blieb unbeantwortet.

Hasen reden nicht

(Emma Rümenapf, 2025)

Sophie saß auf der Treppe vor dem Haus, die Knie angezogen, ihren Stoffhasen mit der blauen Pfote an sich gedrückt. Der Vater hatte ihn ihr gegeben, bevor er wegging. Die Nähte und Felle, die ihn zusammenzuhalten schienen, wichen kaum von ihrer Seite. So saß er auf ihrem Schoß mit auf der Treppe. Der Himmel war blau, blau wie seine Pfote. Eine warme Brise strich durch das hohe Gras. Alles war still, bis auf das entfernte Rauschen der Bäume. Sie wartete. Jeden Tag um diese Zeit kam ihre Mutter mit der Post zurück. Manchmal brachte sie einen Brief von Vater mit. Der war immer weiß, nie blau wie der Himmel oder die Pfote ihres Hasens, blau mochte sie lieber als weiß. Aber er war weiß mit krakeliger Schrift. Sie liebte es, sie zu öffnen, das Papier zu berühren, während ihre Mutter vorlas. Vater schrieb über den Himmel, der nachts so dunkel war wie Tinte. Über Zelte, die sich im Wind bogen und über Marsche, die länger waren, als sie hier mit ihrem Hasen mit der blauen Pfote wartete, und über Regen, Regen, der auf seine Stiefel prasselte und auf seine Uniform. Ihr liebster Teil aber war das Ende. Er sagte ihr, dass er sie liebte. Dass er bald nach Hause kommen würde. Sie glaubte ihm. Heute musste wieder ein Brief kommen. Das blaue Gartentor quietschte, als ihre Mutter eintrat. Sophie sprang auf. Den Hasen nahm sie mit. „Ist was für mich dabei“? Ihre Mutter hielt die Post in der Hand. Sonne fiel auf ihre Schultern, auf die feinen Falten um ihre Augen. Sie sah Sophie an, nur einen Moment zu lange. Dann nickte sie langsam. Sophie streckte eine Hand aus, den anderen Arm brauchte sie, um die blaue Pfote fest zu umklammern. Durch die Nähte, die den Hasen zusammenhielten, schien auf einmal kalte Luft zu ziehen. Ihre Mutter zögerte kurz, dann legte sie ihr den Umschlag in die Hand. Er war nicht weiß. Auch nicht blau. Schwarz. Schwarz war er. Er fühlte sich kühl an, fast glatt. Sie öffnete ihn, geschrieben war er nicht vom Vater. Was er bedeutete, fragte sie den Hasen. Er antwortete nicht.

Buddy

(Josy Walz, 2025)

Ich liege auf dem Rücken und starre an die Decke. Wie immer zähle ich die Punkte meiner Tapete über meinem Bett. 33 Punkte. Die Anzahl kenne ich mittlerweile auswendig. Auf meiner Matratze hat sich an der Stelle, an der ich üblicherweise immer liege, schon eine Kuhle gebildet. Wäre auch komisch, wenn nicht. Ich liege immer hier. Morgens stehe ich auf, schleppe mich zur Schule und wieder zurück in mein Bett. Da liege ich dann so lange und starre stur an meine Decke, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und meine Müdigkeit endlich den Kampf gegen mein Gedankenkarussell gewinnt. Heute fällt es mir besonders schwer, meinen Gedanken nicht allzu viel Beachtung zu schenken. Innerlich fühlt es sich an, als würden sie mich von innen heraus auffressen. Meistens sind sie verbittert. Verbittert darüber, dass meine Eltern nur an sich denken und mich gar nicht in ihre Überlegungen, wie es nun weiterzugehen hat, einbeziehen. Es geht nur darum, wie sie am besten aus der jetzigen Situation hervorgehen. Gerade wohne ich bei Mama, aber in zwei Wochen ziehe ich zu Papa. Der Mittteilungston meines Handys ertönt und unterbricht meinen Gedankenkampf. Ich drehe mich reflexartig zu dem Gerät um. Eine Nachricht von Paul. Paul ist mein bester Freund und vor ein paar Wochen haben wir das Wochenende immer genutzt, um an unseren Fußballskills zu arbeiten. Vor ein paar Wochen hätte ich mich über seine Frage, ob wir heute in den Park gehen wollen, um zu trainieren, gefreut. Aber heute ist nicht vor ein paar Wochen. Heute ist Heute. Heute bin ich jemand anderes als vor ein paar Wochen. Und dieser Jemand geht nicht mehr mit seinen Freunden in Park um Fußball zu spielen. Wie viel sich in ein paar Wochen doch ändern kann. Erstaunlich. Ich kann mich noch genau an den Tag vor ein paar Wochen erinnern, an dem meine Eltern es geschafft haben, mit nur einem Gespräch meine gesamte Welt aus den Angeln zu reißen und mein stabil geglaubtes Umfeld zu zerstören. Ich war ein glückliches, unbesorgtes fußballsüchtiges Kind und jetzt fühlt es sich an, als wäre ich im freien Fall und jemand hätte mir dem Boden unter den Füßen weggezogen. Ich öffnete den Sperrbildschirm meines Handys und klickte auf den Chat mit Paul. Er fragt mich fast jeden Tag, ob wir was zusammen unternehmen wollen. Das rechne ich ihm hoch an. Trotzdem sage ich ihm immer ab. Er kennt meine jetzige Situation, aber er versteht sie nicht. Er versteht nicht, warum sie so eine Auswirkung auf mich hat. Das versteht keiner. Ich glaube langsam versteht er, dass ich nicht mehr der Junge wie vor ein paar Wochen bin. Nicht mehr der fröhliche unbeschwerte Junge, den er seinen besten Freund nannte. Nicht mehr ich. Das erkenne ich an seinen Antworten. Sie werden mit jeder Ausrede, die ich ihm auftische, kürzer. Irgendwann werden sie sicherlich ganz verschwinden. Dann wird er mir gar nicht mehr schreiben. Aber das ist gut so. Er versteht mich nicht. Das tut keiner. „Max, kommst du bitte einmal runter? Dein Vater ist da und wir wollen dir was zeigen.“ Na super. Papa ist hier. Mama und Papa unter einem Dach. Das kann ja heiter werden. Ich drehte die Beine über meine Bettkante und stand auf. Langsam lief ich die Treppen ins Wohnzimmer hinab. Als ich unten ankam, blickte ich in zwei grinsende Gesichter. Was war denn jetzt los. So eine Stimmung gab es schon lange nicht mehr mit meinen Eltern. Sie strahlten regelrecht. Vor ihnen stand ein Pappkarton mit kleinen Löchern. War der der Anlass der guten Laune? Ein Pappkarton? Ernsthaft? Drehten die beiden jetzt völlig durch? Anscheinend konnte man mir meine Emotionen am Gesicht ablesen denn Papa klopfte sacht an den Deckel des Pappkartons und nickte mir eifrig zu, ihn zu öffnen. Ich ergriff den Deckel des Kartons und öffnete ihn. Langsam lugte ich hinein. Dann passierte es. Blitzschnell sprang ein goldenes kleines Knäul aus dem Karton und schleckte mir quer übers Gesicht. Die Augen hatte ich vor Schreck zugekniffen und öffnete sie jetzt langsam wieder. Ich blickte in zwei schwarze Knopfaugen. Nein, das kann nicht sein. Nein, nein, nein. Das haben sie nicht getan, nein. Ich kniff nochmal fest die Augen zusammen, um mich zu vergewissern, dass ich nicht doch vorhin auf meinem Bett eingeschlafen bin und mir mein Unterbewusstsein jetzt einen Streich spielt. Aber als ich die Augen wieder öffnete, blickten mich die Knopfaugen immer noch erwartungsvoll an. Ich blickte zu meinen Eltern, doch die lächelten mich nur an. Mein Herz wurde warm, als ich zu dem kleinen Hund, der sich mittlerweile zu einem kleinen Ball in meine Arme geschmiegt hatte, hinunterblickte. „Wie heißt er?“, fragte ich meine Eltern leise. Und dann sagten sie gleichzeitig den Namen, den ich vor einen paar Wochen immer benutzt habe, wenn ich über meine besten Freunde geredet habe. „Buddy.“ Das war das erste Mal seit dem Tag vor ein paar Wochen, an dem meine Eltern mir mitteilten, dass ich nun zwei Zuhause hätte, dass mein Lächeln echt war. Ich spürte es. Es war keine Maske, es war echt. „Darf ich mit ihm rausgehen? Jetzt? Ich muss mich unbedingt mit Paul treffen, er muss Buddy kennenlernen!“ Meine Eltern schauten sich mit einem triumphierenden Blick an. „Natürlich, nur zu. Nachdem ihr draußen wart, kann Paul auch gerne mit uns Abendessen.“ Ich blickte auf. Ich war so fokussiert auf den kleinen Hund in meinen Armen gewesen, dass ich die Worte von meiner Mutter nun nochmal in meinem Kopf wiederholte und über sie nachdachte. Ich schaute zu dem kleinen Hund in meinen Armen. „Ja, das wäre schön.“

2035

(Romy Weber, 2025)

Es klopfte an der Tür. Bestimmt war es Justus. Wir wollten heute zusammen wegfahren, nach Belgien. Er meinte er kommt um 11:00 Uhr. Jetzt war es schon 11:30. Ich hasste es, wenn er sich verspätete und mir nicht Bescheid sagte. Ich holte meine Tasche und öffnete ihm die Tür. Zusammen gingen wir runter und ich spürte, wie die Nachbarn durch die Türspione schauten, sie misstrauten mir, seit ich einmal nach der Ausgangsperre nach Hause gekommen war und sie mich erwischt hatten. Es ist wie in 2020 mit der Ausgangsperre, niemand darf das Haus nach 22:00 Uhr verlassen, nur haben wir nicht 2020, sondern 2035. Justus und ich gingen zum Auto und fuhren los. An einem Dienstagvormittag sind die Autobahnen meistens sehr leer. Die einzigen Autos, die man sieht, sind die von der Polizei, die an jeder großen Ausfahrt stehen. Justus und ich redeten auf Autofahrten fast nie, wir waren immer zu angespannt, deshalb schaltete ich das Radio ein. Es kamen gerade die Nachrichten, sie berichteten von einem Todesunfall an der Grenze zu Frankreich, wo ein Mann versucht hatte, ohne Erlaubnis ins Land einzureisen und dabei von dem Zoll erwischt wurde. Solche Nachrichten waren nicht mehr neu für uns. Mittlerweile waren wir schon fast in Belgien, sodass Justus und ich beschlossen, eine Pause einzulegen. Wir fuhren zu einer Raststätte und aßen etwas. Als wir wieder losfahren wollten, kam ein Polizist zu uns. Er trug eine normale Polizeiuniform, mit dem Adler auf die Schulter gestickt, was bedeutete, dass er vom Zoll war, hatte zur Seite gegeltes Haar und ein widerliches Grinsen auf dem Gesicht. Er klopfte an das Fenster und signalisierte mir, dass ich das Fenster herunterlassen soll. Er beugte sich so sehr ins Auto herein, dass ich sein starkes Parfum riechen konnte. Ich verabscheute diese Art von Polizisten, denn sie wussten immer genau, wie viel Macht sie über uns hatten. Der Mann fragte, wo wir denn an einem Dienstagvormittag hinwollten. Ich antwortete, dass wir auf Geschäftsreise nach Belgien fuhren und weil eine Zugfahrt zu teuer sei, wir das Auto genommen haben. Der Polizist schaute mich misstrauisch an und forderte ein Schreiben, das bestätigte, dass wir auf Geschäftsreise waren, und unsere Pässe. Justus reichte ihm unsere gefälschten Pässe sowie das gefälschte Schreiben von unserem angeblichen Arbeitsgeber. Wir hatten Monate damit verbracht, jemanden zu finden, der Papiere so gut fälschen konnte, dass selbst eine Maschine den Unterschied nicht erkennen könnte. Nach einer kurzen Inspektion gab der Polizist uns unsere Papiere wieder und wünschte uns eine gute Weiterfahrt und einen schönen Aufenthalt in Belgien. Justus und ich rissen uns zusammen, denn das waren die letzten Meter vor der Freiheit, jedoch sah ich genau, wie schwitzig seine Hände waren, als er die Papiere wieder annahm. Wir überquerten die Grenze nach Belgien und waren endlich frei. Frei von der grauenvollen Diktatur, die diese Partei in den letzten Jahren aus unserem demokratischen Deutschland gemacht hatte. Die Unterdrückung der war vorbei und Justus Koch und Manuel Richter gab es nicht mehr.

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